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FELIX RIEGER · 26.09.2026

Bevor die Kamera kam, war da die Musik.

Wer mich heute nur über meine Fotografie kennenlernt, weiß vielleicht gar nicht, welchen Platz Musik in meinem Leben hatte. Über viele Jahre war sie das große Thema. Und angefangen hat das lange, bevor ich überhaupt eine Kamera in der Hand hatte.

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Von Felix eingesprochen

Auftritt im Juli 2014

**Radio statt Bauklötze**

Schon als Kleinkind saß ich lieber vorm Radio, als mit Bauklötzen oder Autos zu spielen. Ich hatte Spaß daran, Songs zu hören und aufzunehmen.

Damals gab es noch leere Kassetten, die man selbst bespielen konnte. Für die Jüngeren: Musik speichern, aber mit zwei Knöpfen und der Hoffnung, dass der Moderator nicht ins Lied reinquatscht. 😄

Auch meine Großeltern hatten großen Anteil daran, dass Musik für mich so wichtig wurde. Mein Opa spielte Akkordeon, meine Oma Klavier. Und ich bekam mit ungefähr sechs Jahren Flötenunterricht. Musikalische Früherziehung.

An Weihnachten oder Ostern standen wir dann zusammen und spielten die üblichen Lieder. Opa am Akkordeon, Oma am Klavier und mittendrin ich mit meiner Flöte.

Musikalisch war die Familie also gut aufgestellt. Ob die Nachbarn das auch so gesehen haben, ist mir nicht überliefert.

**Meine Eltern und der DJ-Knopf**

Irgendwann war mir das mit der Flöte zu doof. Ich wechselte in eine Keyboardgruppe und bekam ein eigenes Keyboard. Mit vielen tollen, lustigen Funktionen.

Vor allem gab es da diesen DJ-Knopf.

Ich weiß nicht, wer entschieden hatte, den einzubauen. Ich fand die Entscheidung hervorragend. Meine Eltern vermutlich weniger.

Während die es schön gefunden hätten, wenn ich mal ein richtiges Lied gespielt hätte, war ich noch damit beschäftigt, das volle Nervpotenzial dieses Instruments auszuschöpfen. Man muss ja wissen, was man da zu Hause stehen hat.

Irgendwann löste sich die Keyboardgruppe auf. Mein Lehrer meinte zu mir: „Ja Felix, eigentlich könntest du doch gleich in den Klavierunterricht gehen.“

Gesagt, getan.

Schwarze und weiße Tasten kannte ich schon. Jetzt waren es mehr, und alles war größer und schöner. So ein schwarzer Flügel macht einfach etwas her. Und dieser Klang erst.

Kein DJ-Knopf mehr. Meine Eltern dürften kurz Hoffnung geschöpft haben.

Ich blieb tatsächlich dabei und hatte einige Jahre klassischen Klavierunterricht.

**Klassik war schön. Aber ich wollte eine Band.**

Irgendwann wollte ich mehr ausprobieren. Mit anderen zusammenspielen, eigene Ideen einbringen und eine Band haben.

Ich wechselte die Musikschule und kam in einen Gruppenunterricht mit Bandfokus. Ich am Klavier. Das war etwas völlig Neues, und ich konnte mich dort richtig gut einbringen.

Dort lernte ich einen meiner besten Kumpels kennen. Er sang, und ich war völlig hin und weg.

Wat für’n Talent.

Schon nach unserer ersten gemeinsamen Probe mit den anderen setzten wir uns noch einmal separat zusammen. Er sang, ich spielte Klavier. Das passte. Also wollten wir schauen, was wir zu zweit daraus machen können.

Zunächst versuchten wir uns an Covers. Daraus kann man natürlich viel machen und seinen eigenen Stil entwickeln. Aber irgendwann wollten wir eigene Songs schreiben.

Rückblickend hätte ich an dieser Stelle vielleicht nicht unbedingt erwartet, dass ausgerechnet der Montag unser großes Thema werden würde.

**Zwei Sixer Bier. Künstlerisch wertvoll.**

Es war im Januar 2014, und ich hatte gerade vor 2-3 Wochen meine Ausbildung abgeschlossen. Nach einer gemeinsamen Probe saßen wir noch im Proberaum.

Der Plan: Jeder einen Sixer Bier, und dann schauen wir mal, was heute dabei herumkommt.

Es entstand ein Montags-Song.

„Ein Montags-Song? Was soll das denn für ein Blödsinn sein?“

Ja. War auch Blödsinn. Aber in cool.

Wir nahmen ein Video auf und luden es bei Facebook hoch. Die Leute fanden es mega und schrieben: „Ey, macht das mal auf YouTube!“

Das freute uns natürlich. Also lud ich das Video im Laufe der Woche auch dort hoch. Ohne große Werbung oder ausgefeilte Strategie. Wir hatten einen Song, ein Video und einen Upload-Knopf. Das musste fürs Erste reichen.

**„Kommt doch eh nichts zurück.“**

Ein paar Tage später lag ich morgens wach im Bett und hörte Radio. Da dachte ich: Komm, schickste den Montags-Song mal über den Studiobutton dahin. Kommt doch eh nichts zurück.

Das war meine professionelle Einschätzung der Lage.

Ungefähr zehn Minuten später lief unser Song im Radio.

Unser Song. Aus unserem Video.

Ich dachte, ich höre nicht richtig. Weitere fünf Minuten später hatte ich den Moderator am Telefon. Wir sollten am nächsten Tag in die Show kommen und den Song live spielen.

Äh. Ja. Guten Morgen erst mal. 😂

Gerade noch im Bett Radio gehört, plötzlich für den nächsten Tag einen Auftritt im Sender vereinbart. Damit hatte ich beim Abschicken nun wirklich nicht gerechnet.

**Ein Bandname? Hatten wir natürlich auch nicht.**

Auf dem Weg ins Radiostudio gab es dann noch eine Kleinigkeit zu klären: Wie heißen wir eigentlich?

Wir hatten einen Song und einen Auftritt im Radio. Über einen Bandnamen hatten wir uns dagegen noch keine Gedanken gemacht. Prioritäten waren gesetzt.

Die beiden Moderatoren unterhielten sich schon darüber, wie sie uns nennen könnten. Dabei fiel ihnen unser Video auf. Das hatten wir nämlich einfach hochkant aufgenommen und genauso auf YouTube hochgeladen. Ohne groß darüber nachzudenken, dass Querformat damals vielleicht die naheliegendere Wahl gewesen wäre.

Und so entstand unser Name: **Hoch-Kant.**

Andere Bands suchen wochenlang nach einem Namen mit tiefgründiger Bedeutung. Wir hatten das Handy andersrum gehalten.

Muss man auch erst mal schaffen: Beim Video nicht aufs Format achten und damit aus Versehen die Namensfindung erledigen. 😂

Wenn ich heute als Fotograf über Bildgestaltung nachdenke, ist das schon eine schöne Vorgeschichte. Mein erstes erfolgreiches Gestaltungskonzept war offenbar: „Ach, lass so.“

Im Bekanntenkreis sprach sich das natürlich schnell herum. Und es blieb nicht bei diesem einen Radioauftritt: 2014 waren wir schließlich jeden Montag in der Show zu hören.

Ausgerechnet montags hatten wir jetzt also regelmäßig etwas vor, auf das wir uns freuen konnten. Der Song hatte offenbar auch für uns seinen Zweck erfüllt.

Uns wurde sogar erzählt, dass Leute beim Sender anriefen und nach dem Song fragten, wenn er mal nicht gespielt wurde. Völlig verrückt, aber so war das.

**5.000 Menschen. Und wir mittendrin.**

Wir nahmen ein kleines Album auf. Komplett auf Low-Budget-Basis, mit den Möglichkeiten, die wir damals hatten.

Dazu kamen Auftritte im Bremer Fritz-Theater und im Musical-Theater. Und unter anderem standen wir in der Bremer ÖVB-Arena vor 5.000 Menschen.

Da liest man jetzt vielleicht drüber hinweg. Aber stellt euch das mal vor: Erst sitzen zwei Leute im Proberaum und schreiben einen Montags-Song. Und später stehen sie vor so einem Publikum.

Geld verdient?

Keineswegs. Das war reine Promo. Die Rockstar-Rente musste also vorerst warten.

Trotzdem haben wir diese Zeit wirklich genossen. Eigene Songs schreiben, gemeinsam auftreten und erleben, dass Leute unsere Musik hören wollten – das war schon etwas Besonderes.

Zu dieser Zeit bekam ich über meine Arbeitskollegin auch erste Einblicke in die Fotografie. Aber Portrait- oder Paarshootings anzubieten, lag gedanklich noch weit weg. Für mich stand ganz lange die Musik im Vordergrund.

**Und warum heute die Kamera?**

Das hat sich nach und nach verschoben. Der Beruf nahm Zeit ein, später kam die Fotografie stärker dazu. Die Musik rückte dabei in den Hintergrund.

Heute spiele ich Klavier vor allem für mich selbst. Eine Band bedeutet gemeinsame Proben, Termine und die Zeit, regelmäßig dranzubleiben. Das lässt sich gerade nicht einfach noch irgendwo dazwischenquetschen.

Und vielleicht ist es auch ein wenig die Faulheit, die dann doch manchmal aus mir herauskommt. So viel Ehrlichkeit muss auch sein, wenn ich hier schon so einen Blog schreibe.

Mein Tag hat leider weiterhin nur 24 Stunden. Eine Beschwerde darüber wurde bisher nicht bearbeitet.

Ganz weg ist der Gedanke trotzdem nicht. In den letzten Monaten habe ich tatsächlich wieder überlegt, ob ich irgendwo einsteigen könnte, wenn sich eine passende Gelegenheit ergibt.

Im Moment habe ich mich bewusst für die Fotografie entschieden. Dort möchte ich meine Energie reinstecken und schauen, wie weit ich komme.

Wenn ich darüber nachdenke, ist mir einiges daran ziemlich vertraut. Damals haben wir Covers gespielt und irgendwann Lust bekommen, eigene Songs zu schreiben. Bei der Fotografie probiere ich ebenfalls aus, was mir gefällt und wie ich meine eigenen Ideen umsetzen kann.

Auch das Zusammenspiel mit anderen gehört dazu. Alleine am Klavier kann ich für mich etwas ausprobieren. Sobald jemand dazu singt, kommt eine neue Idee dazu, auf die ich reagieren kann. Beim Shooting bringen die Menschen vor meiner Kamera genauso etwas Eigenes mit. Ich kann eine Vorstellung haben – was dann gemeinsam entsteht, macht es für mich spannend.

Und dann kommt irgendwann der Moment, in dem man sein Ergebnis zeigt.

Damals war es der Upload unseres Videos. Heute ist es ein Foto, ein neues Angebot oder meine eigene Homepage. Dieses kurze Zögern kenne ich also schon: Ist das gut genug? Interessiert das überhaupt jemanden? Soll ich es wirklich veröffentlichen?

„Kommt doch eh nichts zurück“, dachte ich damals, als ich den Song an den Radiosender schickte.

Zehn Minuten später wusste ich es besser.

Natürlich wird jetzt nicht jedes Foto im übertragenen Sinne zum Radiohit. Aber diese Erfahrung erinnert mich daran, meinen Ideen überhaupt die Chance zu geben, irgendwo anzukommen. Wenn unser Video im Proberaum geblieben wäre, hätte es auch niemand hören können.

Vielleicht ist die Verbindung zwischen Musik und Fotografie deshalb längst da. Ich habe über Jahre erlebt, wie viel Spaß es mir macht, mit anderen etwas zu entwickeln, daran zu feilen und es anschließend zu teilen. Heute passiert das vor allem mit der Kamera.

Ob ich irgendwann wieder in einer Band spiele? Wer weiß. Erst mal freue ich mich auf die Menschen und Geschichten, die mir beim Fotografieren begegnen.

Der kleine Felix, der begeistert auf den DJ-Knopf gedrückt hat, ist jedenfalls noch irgendwo da.

Heute gibt man ihm eine Kamera. Hat auch Knöpfe. War also eigentlich absehbar.

Felix